Ambulanz für Notfallpädagogik München – Netzwerk | Prävention & Trauma gGmbH · Blog · September 2026

Wir haben uns angesehen, was 14 europäische Länder derzeit über die seelische Gesundheit junger Menschen wissen und was sie tun. Das Bild ist eindeutig: Die Belastung ist hoch, die Versorgung kommt nicht hinterher, und die Politik setzt vor allem beim Smartphone an. Was fast überall fehlt, ist die Zeit vor der Diagnose, in der junge Menschen belastet sind, aber noch keine Hilfe bekommen.


Die Lage in Europa

Im November 2025 hat das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation für Europa neue Zahlen vorgelegt. Danach lebt jedes siebte Kind in der Region mit einer psychischen Erkrankung, bei den Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren ist es jedes vierte. Der Anteil ist in 15 Jahren um ein Drittel gestiegen. Auf 76.000 Kinder und Jugendliche kommt ein einziger Psychiater, und jedes vierte Land hat keine wohnortnahen Dienste (WHO Regional Office for Europe, 2025).

Ab dem Jugendalter bekommen diese Zahlen ein anderes Gewicht. Nach Eurofound ist Suizid die häufigste Todesursache junger Menschen zwischen 15 und 29 Jahren in der EU. 2021 ging fast jeder fünfte Todesfall in dieser Altersgruppe darauf zurück (Eurofound, 2025).

Diese Entwicklung hat nicht erst mit der Pandemie begonnen. Die OECD hält fest, dass der Trend älter ist als COVID-19 und sich seitdem verstärkt hat (OECD, 2026).

Deutschland: Die Belastung bleibt, die Unterschiede wachsen

Die Hamburger COPSY-Studie begleitet Kinder und junge Menschen zwischen 7 und 22 Jahren seit 2020. Im Herbst 2024 zeigten 22 % von ihnen „psychische Auffälligkeiten“, wie die Studie es nennt, vor der Pandemie waren es etwa 17 %. 21 % fühlten sich einsam. 72 % sorgten sich stark wegen der Kriege (Kaman et al., 2025).

Die längste Zeitreihe liefert die deutsche HBSC-Studie der Weltgesundheitsorganisation zur Gesundheit von Schulkindern. Zwischen 1994 und 2022 stieg der Anteil der Mädchen mit psychischen Beschwerden von 17 auf 56 %, bei den Jungen von 9 auf 23 %. Kinder aus Familien mit wenig Geld haben zwei- bis dreimal so häufig ein schlechtes Wohlbefinden (Reiß et al., 2024; HBSC-Studienverbund Deutschland, 2025). UNICEF bestätigt diesen Abstand für 2026: 61 % der 15-Jährigen aus den ärmsten Familien sind mit ihrem Leben sehr zufrieden, aus wohlhabenden Familien 73 % (UNICEF Deutschland, 2026).

Wie lange junge Menschen auf Hilfe warten, weiß in Deutschland niemand genau. Die Bundesregierung erklärte im August 2026, ihr lägen dazu „keine differenzierten, validen Daten“ vor. In derselben Antwort findet sich eine andere Zahl: Das digitale Beratungsangebot krisenchat führte 2020 rund 3.700 Beratungen, 2025 waren es fast 21.500 (Deutscher Bundestag, 2026). Eine Strategie „Mentale Gesundheit für junge Menschen“ ist angekündigt, konkrete Maßnahmen sollen bis Ende 2026 folgen (ebd.).

Drei Antworten, die Europa gerade gibt

Erstens: Regeln für Bildschirme

Kein Thema bewegt die Politik derzeit so stark wie das Mindestalter für soziale Medien. Österreich hat Ende Juli 2026 einen Gesetzentwurf für ein Verbot unter 14 Jahren in die Begutachtung gegeben (Bundeskanzleramt Österreich, 2026). Norwegen will noch 2026 ein Gesetz ins Parlament bringen, bei dem die Plattformen das Alter prüfen müssen (Digitaliserings- og forvaltningsdepartementet, 2026). Bayern hat im Juni 2026 die private Handynutzung an Schulen bis zur 7. Klasse untersagt (Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus, 2026).

Das mag sinnvoll sein. Die Gesundheitsinstitute setzen die Ursachen aber breiter an. Das norwegische Folkehelseinstitutt nennt als Hauptfaktoren Einsamkeit, Schulstress und Schlafprobleme, die sich gegenseitig verstärken (Folkehelseinstituttet, 2025). Die norwegische Jugendbefragung Ungdata zeigt 2025 keinen weiteren Anstieg der Beschwerden, bei Mädchen sogar einen Rückgang. Zugleich erreicht das Mobbing den höchsten Stand seit zehn Jahren (Ungdata, 2025). Ein Verbot allein erreicht nichts davon.

Zweitens: Hilfe mit Frist

Finnland hat den klarsten Schritt gemacht. Seit dem 1. Mai 2025 haben Kinder und junge Menschen unter 23 Jahren Anspruch auf Hilfe innerhalb eines Monats, nachdem der Bedarf festgestellt wurde. Das kann eine Kurzpsychotherapie sein oder eine zeitlich begrenzte psychosoziale Begleitung, ausdrücklich auch über die Sozialdienste, und sie ist kostenfrei (Sosiaali- ja terveysministeriö, 2024). Damit erkennt ein Staat an, dass frühe Hilfe nicht erst in der Facharztpraxis beginnt.

Österreich geht einen anderen Weg. Das Programm „Gesund aus der Krise“ bietet Kindern und Jugendlichen kostenlose psychologische oder psychotherapeutische Stunden und ist für 2025 und 2026 mit 35 Millionen Euro für rund 30.000 junge Menschen gesichert, aber befristet (Parlament Österreich, 2025). Der Rechnungshof fand dort zugleich in mindestens 12 von 32 Versorgungsregionen keine ausreichende ambulante Kinder- und Jugendpsychiatrie. In Wien warteten Familien im Schnitt 90 Tage auf einen Termin (Rechnungshof Österreich, 2025).

Drittens: Hilfe in der Schule

England baut seit Jahren Teams für seelische Gesundheit auf, die direkt in Schulen arbeiten. 2025/26 besuchen 60 % der Schüler eine Schule mit einem solchen Team, bis Ende 2029 sollen es alle sein (Department for Education, 2026b). Der Bedarf ist groß. 2024/25 hatten über eine Million Kinder eine offene Überweisung an die Kinder- und Jugendpsychiatrie, mehr als 60.000 warteten länger als zwei Jahre (Children’s Commissioner for England, 2026). Fast jeder fünfte Schüler fehlte an mindestens jedem zehnten Schultag (Department for Education, 2026a).

Dänemark hat die Frage grundsätzlicher gestellt. Eine Regierungskommission zum Wohlbefinden junger Menschen legte im Februar 2025 ihre Empfehlungen vor. Wohlbefinden wird dort als Frage von Gemeinschaft, Vereinsleben und Zugehörigkeit behandelt, nicht nur als Frage der Behandlung (Den danske regering, 2025).

Der Raum dazwischen

Zwischen „belastet“ und „in Behandlung“ liegt ein breiter Streifen. Dort stehen junge Menschen, die schlecht schlafen, sich zurückziehen, in der Schule fehlen oder nach einem belastenden Ereignis nicht mehr zur Ruhe kommen. Eine Diagnose haben sie oft nicht. Brauchen würden sie trotzdem jemanden.

In Bayern hat die Politik diesen Raum benannt. Mit dem Programm KRISENFEST bietet die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns Gruppen für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren an, die psychisch belastet sind, bevor eine Erkrankung entsteht. Das Programm ist für 2025 bis 2027 mit 350.000 Euro ausgestattet. Nach Angaben von Gesundheitsministerin Gerlach betrifft das Thema in Bayern rund 300.000 junge Menschen (Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention, 2024). Das Verhältnis dieser beiden Zahlen zeigt, wie groß die Lücke ist.

Für unsere Arbeit hat eine weitere Zahl besonderes Gewicht. 2024 stellten die bayerischen Jugendämter in 6.059 Fällen eine Gefährdung des Kindeswohls fest, am häufigsten durch Vernachlässigung sowie psychische oder körperliche Misshandlung (Bayerisches Landesamt für Statistik, 2025). Hinter jedem dieser Fälle stehen Kinder, deren Nervensystem gelernt hat, dass die Welt nicht sicher ist.

Was wir daraus mitnehmen

Belastung ist oft keine Störung, sondern eine verständliche Antwort auf Überforderung. Wer so auf junge Menschen schaut, fragt zuerst nicht nach der Diagnose, sondern danach, was ein Kind jetzt braucht, um wieder Halt zu finden. Die europäischen Beispiele zeigen, dass dieser Blick politisch umsetzbar ist. Finnland verbindet frühe Hilfe mit einer Frist und öffnet sie für soziale Begleitung. England bringt Unterstützung dorthin, wo Belastung zuerst sichtbar wird, in die Schule. Dänemark sucht die Antwort auch in der Gemeinschaft.

Für Deutschland und Bayern steht die Entscheidung noch aus. Die angekündigte Bundesstrategie ist eine Gelegenheit, den Raum vor der Diagnose ausdrücklich mitzudenken: mit verlässlichen Angeboten an Schulen, mit Begleitung von Familien und mit Übergängen, die nicht an Wartelisten scheitern. Genau dort arbeiten wir. Früh begleiten statt spät behandeln.


Zu den Zahlen: Alle Angaben stammen aus Veröffentlichungen von Behörden, Parlamenten, Statistikämtern und wissenschaftlichen Studien (Stand 23. September 2026). Die Länder erheben ihre Daten unterschiedlich, deshalb lässt sich aus den Zahlen keine Rangfolge der Länder ableiten.

Bayerisches Landesamt für Statistik. (2025, 9. Juli). Gefährdungseinschätzungen nach § 8a SGB VIII in Bayern 2024[Pressemitteilung 177/2025]. https://www.statistik.bayern.de/presse/mitteilungen/2025/pm177/index.html

Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit, Pflege und Prävention. (2024, 19. Dezember). Gerlach stärkt Prävention für psychisch belastete Kinder und Jugendliche [Pressemitteilung]. https://www.stmgp.bayern.de/presse/gerlach-staerkt-praevention-fuer-psychisch-belastete-kinder-und-jugendliche-bayerns

Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus. (2026, 17. Juni). Bayern startet umfassende Offensive für mehr digitale Balance bei Kindern und Jugendlichen [Pressemitteilung]. https://www.km.bayern.de/meldung/bayern-startet-umfassende-offensive-fuer-mehr-digitale-balance-bei-kindern-und-jugendlichen

Bundeskanzleramt Österreich. (2026, 27. Juli). Gesetzesentwurf für Social-Media-Verbot unter 14 geht mit dem heutigen Tag in Begutachtung. https://www.bundeskanzleramt.gv.at/bundeskanzleramt/nachrichten-der-bundesregierung/2026/07/gesetzesentwurf-fuer-social-media-verbot-unter-14-geht-mit-dem-heutigen-tag-in-begutachtung.html

Children’s Commissioner for England. (2026, 29. Juni). Over a million children referred to mental health services, with highest annual referrals as demand rises faster than systems can respond [Pressemitteilung]. https://www.childrenscommissioner.gov.uk/news/press-notice-over-a-million-children-referred-to-mental-health-services-with-highest-annual-referrals-as-demand-rises-faster-than-systems-can-respond/

Den danske regering. (2025, Februar). Trivselskommissionens anbefalinger er klar. https://regeringen.dk/nyheder/2025/trivselskommissionens-anbefalinger-er-klar/

Department for Education. (2026a, 26. März). Pupil absence in schools in England: 2024/25. https://explore-education-statistics.service.gov.uk/find-statistics/pupil-absence-in-schools-in-england/2024-25

Department for Education. (2026b, Juni). Mental Health Support Teams: Coverage and school and college experiences. https://assets.publishing.service.gov.uk/media/6a1af3e865bc5f798327f55d…

Deutscher Bundestag. (2026). Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (Drucksache 21/7613). https://dserver.bundestag.de/btd/21/076/2107613.pdf

Digitaliserings- og forvaltningsdepartementet. (2026, 24. April). Norwegian social media age restrictions law on track to be introduced this year. https://www.regjeringen.no/en/whats-new/norwegian-social-media-age-restrictions-law-on-track-to-be-introduced-this-year-this-is-how-the-age-limit-for-social-media-will-work/id3157276/

Eurofound. (2025, 2. September). New study finds suicide is now the leading cause of death for young people in Europe[Pressemitteilung]. https://www.mynewsdesk.com/eurofound/pressreleases/new-study-finds-suicide-is-now-the-leading-cause-of-death-for-young-people-in-europe-3401341

Folkehelseinstituttet. (2025). Temautgave av Folkehelserapporten 2025: Barn og unges psykiske helse. https://www.fhi.no/contentassets/b5b3603ec4794c5cb0c8651589b359f8/temautgave-barn-og-unges-psykiske-helse_2025.pdf

HBSC-Studienverbund Deutschland. (2025). HBSC Factsheet. https://www.armut-und-gesundheit.de/fileadmin/…

Kaman, A., Erhart, M., Devine, J., Napp, A.-K., Reiß, F., Behn, S., & Ravens-Sieberer, U. (2025). Psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Zeiten globaler Krisen: Ergebnisse der COPSY-Längsschnittstudie von 2020 bis 2024. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz, 68(6), 670–680. https://doi.org/10.1007/s00103-025-04045-1

OECD. (2026). Child, adolescent and youth mental health in the 21st century. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/1092c3cb-en

Parlament Österreich. (2025, 9. Oktober). Gesundheitsausschuss: Abgeordnete befürworten Fortsetzung des Projekts „Gesund aus der Krise“ (PK0880). https://www.parlament.gv.at/aktuelles/pk/jahr_2025/pk0880

Rechnungshof Österreich. (2025, 29. August). Psychiatrie: Kinder und Jugendliche in sehr hohem Maße unterversorgt. https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/news/Meldungen_2025/Psychiatrie…

Reiß, F., et al. (2024). Subjektive Gesundheit und psychosomatische Beschwerden von Kindern und Jugendlichen in Deutschland: Ergebnisse der HBSC-Studie 2009/10–2022. Journal of Health Monitoring, 9(1). Robert Koch-Institut.

Sosiaali- ja terveysministeriö. (2024, 30. Dezember). Lapsille ja nuorille terapiatakuu [Therapiegarantie für Kinder und Jugendliche]. https://stm.fi/-/lapsille-ja-nuorille-terapiatakuu

Ungdata. (2025, 11. August). De fleste barn og unge har det bra – men mange opplever også utfordringer. https://www.ungdata.no/de-fleste-barn-og-unge-har-det-bra-men-mange-opplever-ogsa-utfordringer/

UNICEF Deutschland. (2026, 17. Mai). UNICEF-Studie zum Kindeswohl: Deutschland nur auf Platz 25. https://www.unicef.de/informieren/aktuelles/presse/-/unicef-studie-kindeswohl-2026/397376

WHO Regional Office for Europe. (2025, 13. November). One in 7 children and adolescents in the WHO European Region lives with a mental health condition, finds new WHO/Europe report. https://www.who.int/europe/news/item/13-11-2025-one-in-7-children-and-adolescents-in-the-who-european-region-lives-with-a-mental-health-condition–finds-new-who-europe-report

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