Bundeslagebericht 2024: Sexualdelikte gegen Kinder und Jugendliche im Überblick

Stärken des Berichts

  • Systematische Datenbasis: Grundlage ist die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS), ergänzt um Hinweise des US-amerikanischen National Center for Missing & Exploited Children (NCMEC).

  • Differenzierte Darstellung: Der Bericht trennt klar zwischen Missbrauch von Kindern, Missbrauch von Jugendlichen, Kinderpornografie, Jugendpornografie und sexueller Ausbeutung.

  • Langfristige Trends: Entwicklungen über mehrere Jahre hinweg werden sichtbar, etwa die Stabilisierung bei Kindesmissbrauch oder der Anstieg jugendpornografischer Inhalte.

  • Digitale Phänomene: Neue Gefährdungen wie Cybergrooming, Livestreaming, Sextortion oder KI-generierte Inhalte werden ausdrücklich benannt.

  • Opfer- und Täterprofile: Der Bericht liefert Daten zu Alter, Geschlecht und Vorbeziehungen – besonders auffällig: die hohe Zahl tatverdächtiger Jugendlicher bei Jugendpornografie („Selbstfilmende“).

Einschränkungen

  • Hellfeldfokus: Der Bericht bildet nur das Hellfeld ab – also angezeigte und polizeilich registrierte Fälle. Nicht angezeigte Übergriffe, insbesondere im familiären Nahbereich, bleiben unberücksichtigt.

  • Polizeilicher Blick: Prävention, psychosoziale Folgen und gesellschaftliche Ursachen spielen nur eine Nebenrolle.

  • Einfluss von Rechtsänderungen: Veränderungen im Zahlenbild sind oft eher Folge geänderter Gesetzeslagen (z. B. Rückstufung von § 184b StGB 2024) oder verstärkter NCMEC-Meldungen, weniger Ausdruck einer realen Veränderung des Tatgeschehens.

  • Begrenzte Präventionsperspektive: Zwar wird Medienerziehung angesprochen, konkrete Empfehlungen für Schulen, Jugendhilfe oder Gesundheitssystem fehlen.

Fachliche Einordnung

  • Sexueller Missbrauch von Kindern: Seit Jahren hohes, stabiles Niveau – keine Randerscheinung, sondern ein strukturelles Problem.

  • Sexueller Missbrauch von Jugendlichen: Stabile Zahlen, jedoch mit massiver Dunkelfeldproblematik, da Betroffene unter Gleichaltrigen selten Anzeige erstatten.

  • Kinderpornografie: Rückgang 2024 weniger Entwarnung als Ergebnis rechtlicher Anpassungen und Bearbeitungskapazitäten. Fachlich bleibt die Gefährdung hoch.

  • Jugendpornografie: Der starke Anstieg durch selbstproduzierte Inhalte zeigt eine Verschiebung hin zu peer-generierten Materialien. Das erfordert pädagogische Antworten, nicht nur Strafverfolgung.

  • Sexuelle Ausbeutung: Rückläufige Zahlen, jedoch methodisch durch Reformen erklärbar. Die Risiken im Bereich Menschenhandel und organisierter Ausbeutung bestehen fort.

Dunkelfeld – die unsichtbare Dimension

Der Bericht macht die Dimension der polizeilich bekannten Fälle sichtbar. Doch das Dunkelfeld bleibt immens:

  • Repräsentative Studien zeigen, dass 12,7 % der Erwachsenen in Deutschland in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben – hochgerechnet rund 5,7 Millionen Menschen.

  • Das bedeutet: Nur jeder 15. bis 20. Fall erscheint im Hellfeld.

Die Zahlen des Bundeslageberichts sind also nur ein kleiner Ausschnitt der Realität.

Sextortion – ein wachsendes digitales Risiko

Unter Sextortion versteht man die Erpressung mit intimen Fotos oder Videos: Täter:innen drohen, bereits verschickte Inhalte öffentlich zu machen, wenn Betroffene nicht weiteres Material liefern oder Geld zahlen. Dieses Phänomen nimmt deutlich zu und zeigt, wie stark digitale Räume die Gefährdungslage verändern.

Gesamtbewertung

Der Bundeslagebericht 2024 ist ein unverzichtbares Instrument, um Entwicklungen im Bereich polizeilich bekannter Fälle sichtbar zu machen. Er liefert wertvolle Hinweise für Strafverfolgung und Politik.

Doch er ist kein Gesamtbild der Gewalt gegen Kinder und Jugendliche.
Er bleibt ein Spiegel polizeilicher Erkenntnisse – nicht der Lebenswirklichkeit von Betroffenen. Für ein umfassendes Bild braucht es:

  • systematische Dunkelfeldforschung,

  • stärkere Berücksichtigung psychosozialer Folgen,

  • klare Handlungsempfehlungen für Prävention in Schule, Jugendhilfe und Gesundheitssystem.

Nur wenn wir auch das Unsichtbare ernst nehmen, lassen sich Schutzsysteme wirksam gestalten.


Quellen:

  • Bundeslagebericht Sexualdelikte zum Nachteil von Kindern und Jugendlichen 2024, BKA/BMI (veröffentlicht 2025).

  • Uniklinik Ulm / ZI Mannheim: Nationale Dunkelfeldstudie, 2024.

  • Beauftragte der Bundesregierung für sexuellen Kindesmissbrauch: Zahlen und Fakten (Stand April 2025).

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